Retrospektive Stettin

Zwei Jahre nach Gründung der Bernhard-Heiliger-Stiftung eröffnete 1998 in Stettin, Heiligers Geburtsstadt, die erste postume Retrospektive des Künstlers (25. April – 30. August 1998). Die Ausstellung war eine Kooperation der Bernhard-Heiliger-Stiftung mit dem Nationalmuseum Stettin und bestand größtenteils aus Plastiken und Zeichnungen des Nachlasses. Der zweisprachige (deutsch/polnische) Katalog erschien mithilfe privater Sponsoren, die das transnationale Projekt unterstützten. Er enthält Beiträge von Lothar Romain, Manfred Schneckenburger und Bogdana Kozinska. Die Direktorin des Stettiner Museums für Stadtgeschichte arbeitete mittels polnischem Archivmaterial Heiligers Kindheit, Jugend und seine Ausbildung an der dortigen, vom Bauhaus geprägten Kunstgewerbeschule minutiös auf. Im Zuge der Recherche zur Ausstellung wurde seitens der Stiftung die gesamte Biographie des Künstlers an entscheidenden Punkten neu dargestellt.

 

Grußwort Richard von Weizsäckers
aus dem Katalog zur Ausstellung

Die Ausstellung der Werke von Bernhard Heiliger im Nationalmuseum Stettin begrüße ich mit lebhafter Freude und Dankbarkeit. Damit wird ein künstlerischer und kulturpolitischer Gedanke von exemplarischer Bedeutung nahe an der Grenze zwischen Polen und Deutschland verwirklicht. Bernhard Heiliger wurde 1915 in Stettin geboren. Dort erhielt er auch seine erste vortreffliche Ausbildung. Der Charakter des Bauhauses wirkte auf ihn ein. Seine lebenslange Leidenschaft für Plastik entfaltete sich. Er setzte sich mit der damals zeitgenössischen Kunst von Grund auf auseinander. Alsbald nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nahm Bernhard Heiliger sein von unerschöpflicher Vielfalt und vollkommener Selbständigkeit geprägtes Werk in Angriff. Durch die Initiative von Karl Hofer wurde er schon 1949 als Professor an die Hochschule für Bildende Künste in Berlin berufen. In kurzer Zeit entwickelte Bernhard Heiliger sich zur prägenden Persönlichkeit unter den Bildhauern Deutschlands in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts. Er arbeitete mit kleinsten Formaten wie auch in überlebensgroßen Dimensionen, in der Plastik ebenso wie bei seinen Zeichnungen. Sein Auge für die Natur paarte sich mit seinem Sinn für die technische Welt. Wie es schien, gab er seinen Werken mühelos Ausdruck mit figurativer oder mit ungegenständlicher Kunst. Was er schuf, war empfunden, nicht erfunden. Darauf beruht seine bleibende Wirkung bis tief in die ganze Gesellschaft und Zeit hinein. Unvergeßlich sind mir die persönlichen Begegnungen mit Bernhard Heiliger. Offenherzig und seiner Aufgabe gewiß, war er frei von jedem Kalkül. Er sprach nicht viel, suchte keinen Beifall, freute sich aber über den tiefen Eindruck seiner Kunst auf seine Mitmenschen. Im Garten der Residenz der deutschen Bundespräsidenten am Rhein steht eine große Plastik des Künstlers, genannt Montana I. Unzählige Gäste aus aller Welt haben sich mit ihr auseinandergesetzt. Sie gehört zu jenen wichtigen Arbeiten Bernhard Heiligers, die wegen ihres Volumens schwer transportierbar sind. Sein bekanntestes Werk dieser Art ist die Flamme. Sie steht auf einem zentralen Platz in Berlin. Hier, in dem ihm gemäßen öffentlichen Raum, spricht der Künstler Tag für Tag zu den Tausenden, die sein Werk umfahren und umgehen. Bewußt oder unbewußt gehört es zu ihrem Lebensgefühl. Daß Stettin im Rahmen des für uns alle so wichtigen polnisch-deutschen Kulturaustauschs unseren Nachbarn mit einem Herzstück künstlerischer Ausdruckskraft aus der deutschen Nachkriegszeit bekannt macht, ist ein weitsichtiges Zeichen guter europäischer Nachbarschaft.