Der unbekannte politische Gefangene

1952, Bronzeguss, H. 61 cm

Gefangener

Am 31. Januar 1952 wurde vom Londoner Institute of Contemporary Art (ICA) eine Pressemitteilung herausgegeben, die die Ausschreibung eines Denkmals mit dem Thema „Unbekannter politischer Gefangener“ (Unknown Political Prisoner) zum Inhalt hatte. Bereits 74 Länder hätten sich zur Teilnahme bereit erklärt. Ein in sieben Sprachen, darunter auch in Russisch, verfasster Prospekt erklärte die Modalitäten des Wettbewerbes, der nach nationalen Vorausscheidungen in einer Ausstellung vom 14. März bis 30. April 1953 in der Londoner Tate Gallery gipfelte. Initiator des Wettbewerbes war Anthony Klomann, der unmittelbar nach dem Krieg amerikanischer Kulturattaché für Europa war und einen bis heute unbekannt gebliebenen Stifter für das Preisgeld des Projektes gewann. Das 1947 u. a. von Herbert Read und Roland Penrose gegründete ICA fungierte als Träger der Ausschreibung. Dem Organisationskomitee gehörten Henry Moore und der Direktor der Tate Gallery, Sir John Rothenstein, an. In der internationalen Auswahljury saßen u. a. der italienische Kunsthistoriker Giulio Carlo Argan, Herbert Read, Alfred H. Barr jr., der Gründungsdirektor des Museum of Modern Art und Will Grohmann. Der erste Preis dieses bislang größten internationa- len Wettbewerbes für ein öffentliches Denkmal erhielt der britische Bildhauer Reg Butler (1913-1981). Sein Entwurf, der einen abstra- hierten Wachturm aus Eisenstäben vorsah, der auch als Galgen gelesen werden konnte, wurde jedoch nie realisiert, obwohl es u. a. intensive Bemühungen des Berliner Senats und der Akademie der Künste gab, das Denkmal in West-Berlin aufzustellen.

Formal wurde mit diesem Wettbewerb der Weg der abstrakten Skulptur im öffentlichen Raum gebahnt. Allein die Namen der maßgeblich beteiligten Personen, allen voran Henry Moore und Alfred H. Barr, machte die künstlerische Tendenz des Wettbewerbes deutlich.

Heiliger gewann mit seinem Entwurf den mit 2.000,- DM dotierten Preis der Deutschen Bundesregierung und erhielt einen Anerkennungspreis des ICA. Er setzte sich in der nationalen Vorauswahl, bei der sein Entwurf auch vom Publikum als bester bewertet wurde, gegenüber 262 deutschen Einsendungen durch, die die vom 8. bis zum 10. Dezember 1952 im Haus am Waldsee tagende Jury begutachtet hatte. Aus der jüngeren Generation beteiligten sich u. a. Hans Uhlmann, Karl Hartung, Fritz Koenig, Hans Wimmer, Brigitte Meier- Denninghoff und Erich F. Reuter. In der Ausstellung im Haus am Waldsee war Heiligers Gips-Maquette zusammen mit einer Zeichnung zu sehen, die die vorgesehene Größe des Denkmals dokumentiert. In einer Zeitungsmeldung ist von ungefähr acht Metern die Rede, auf die ein Bronzeguss des Modells gebracht werden sollte.

(Text: Marc Wellmann, Auszug des Beitrags im 2005 erschienenen Werkverzeichnis)