ZEIT GEHT NICHT VERLOREN – Skulpturen für bewohnte Räume von Ruth Maria Linde-Heiliger

25. Oktober 2026 bis 14. Februar 2027

Die Holzskulpturen von Ruth Maria Linde-Heiliger werden in diesem Jahr, 30 Jahre nach ihrem Tod, erstmals im ehemaligen Atelier des Bildhauers Bernhard Heiliger gezeigt. Die Werke stammen aus dem Nachlass der Kinder Jutta, Stefan und Anita und sie geben einen gültigen Überblick über das bildhauerische Schaffen der Künstlerin. 

Ruth Maria Linde, geboren am 18. August 1916 in Berlin, entschied sich früh, im Alter von ungefähr 17 Jahren für Bildhauerei. Anfänglich nahm sie Privatunterricht bei einem anthroposophischen Holzschnitzer, der wohl bald nach 1933 Berlin verlassen musste. Ruth Maria Linde führte es Mitte der 1930er Jahre zur Werkkunstschule nach Krefeld, dort studierte sie bei Johannes Itten (1888-1967), der ganz in der Tradition der Bauhauslehre stand. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Berlin zurück und setze ihr Studium bei der Bildhauerin Milli Steger (1881-1948) an der sogenannten ‚Damenakademie im Verein der Künstlerinnen Berlin‘ fort. Steger, aus Wuppertal-Elberfeld stammend, von Karl Ernst Osthaus in Hagen gefördert, wechselte nach dem ersten Weltkrieg nach Berlin und unterrichtete von 1927 bis 1942 Bildhauerei und Aktzeichnen, u.a. in Kursen an der Hochschule der bildenden Künste, der heutigen Universität der Künste, am Steinplatz, wo Ruth Maria Linde 1938 Bernhard Heiliger kennenlernte.

Aufgrund der Geburt der ersten Tochter und der Heirat mit Bernhard Heiliger, der Kriegszeit sowie der schwierigen Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs in Berlin, unterbrach Ruth Maria Linde ihre bildhauerischen Bestrebungen und widmete sich ganz der Erziehung der drei Kinder Jutta, Stefan und Anita. Im Alter von 37 Jahren entschließt sie sich, von Bernhard Heiliger scheiden zu lassen. Als dann die Kinder erwachsen sind, verlässt sie im Mai 1966 im Alter von 50 Jahren Berlin und zieht sich auf die Halbinsel Eiderstedt nach Schleswig-Holstein zurück, wo sie in Osterhever ein Haus erwarb und sich diese Kate für ihre Zwecke zum Atelier-und Wohnhaus umbaute. Im Zentrum steht eine Hobelbank, die sich bis heute in dem Haus befindet. An dieser Hobelbank nahmen alle Werke ihre heutige Gestalt an. Die physische Bearbeitung der Holzstücke, das Sägen, Schneiden, Schleifen, Schnitzen mit Beitel ohne Nutzung jedweder Maschinen war ihr wichtig. Diese sich selbst gesetzten Regeln und technischen Voraussetzungen bestimmen ganz wesentlich Proportionen und Formate der Skulpturen. Fortan arbeitete sie unter ihrem Mädchennamen Maria Linde; die meisten Werke sind jedoch mit den Initialen ihres vollständigen Namens signiert: R.M.L.H.

„Alle Skulpturen gehen vom Holz aus“, wie Maria Linde sagte, das meint, wie sie es gefunden oder erworben hat, gesammelt als Strandgut bei langen Wanderungen im nahen Wattenmeer wie die Mooreiche, erworben bei Nachbarn und Freunden, die ihre Obstbäume aufgrund von Windbruch fällen mussten. Formen folgen den Vorgaben des Holzes und seinen Maserungen, sie erscheinen als organisch vegetative Motive oder als eine in die Form hineingesehen Figuration aus der Tierwelt wie Vogelmotive oder Katzen. Damit reiht sich Maria Lindes Werk in eine facettenreiche Tradition von Tierplastiken ein, die in Deutschland mit August Gaul (1869-1921) im 19. Jahrhundert begann, mit Renée Sintenis (1888-1965) und Ewald Mataré (1887-1965) einen Höhepunkt im 20. Jahrhundert erfuhr.

Die einzelnen Werke von Maria Linde sind in den seltensten Fällen datiert und sie tragen offiziell keine Titel, eher Hilfsbezeichnungen in Anführungszeichen, wie in einem Katalog der edition galerie lüth in Halebüll aus dem Jahre 1990, dem zu Lebzeiten Lindes wohl Einzige, der erschienen ist. Die umfangreiche Publikation zu den Holzskulpturen aus dem Jahre 1997, ediert als Hommage an die Mutter von den Kindern Maria Lindes, versucht eine Chronologie in der Abfolge der Abbildungen. Diese „Zeitlosigkeit“ begründet den Titel unserer Ausstellung und ist es der Titel ihrer autobiographischen Aussagen in dieser Publikation. So sind die Werke zeitlos im doppelten Sinn, sie sind nicht konkret zu datieren und zudem zeitlos in der Abstraktion, weil immer noch gültig in der Wirkung ihrer Ästhetik.

Der Untertitel beschreibt die Intention Maria Lindes. Sie selbst nannte ihre Werke „Skulpturen für bewohnte Räume“, weil ihrer Auffassung nach jedes Holz einerseits nur im geschützten Innenraum seine Wirkung entfaltet kann und sie anderseits mit diesen Skulpturen leben, eben wohnen wollte. Diese Idee der Gestaltung des persönlichen Lebensraums geht auf ihre Ausbildung bei Johannes Itten zurück, der nach seiner Zeit am Bauhaus Dessau auch an der Werkkunstschule in Krefeld lehrte und die Bauhaus-Idee dort selbstverständlich weiterführte. Deren Kern war es immer gewesen, Alltag und Leben in einer gestalteten Umgebung zusammenzuführen, ein bewusstes Leben zu führen. Das hat Ruth Maria Linde-Heiliger geleistet. Sie verstarb in Eiderstedt am 14. Juni 1996. So ist in 30 Jahren aus der zurückgezogenen Lebensweise in dieser Westküstenregion Schleswig-Holsteins, im Schutz der Deiche, ein Werk entstanden, das mit dieser Ausstellung nach 30 Jahren nun neu gewürdigt und entdeckt werden soll.

Friedrich Meschede

„ZEIT GEHT NICHT VERLOREN – Skulpturen für bewohnte Räume von Ruth Maria Linde-Heiliger“ ist eine Ausstellung der Bernhard-Heiliger-Stiftung, gefördert von dem Programm „Mehr Kultur“ der Berliner Sparkasse und mit freundlicher Unterstützung der Firma kt.color